Wettbewerb der Interessen: Wie man mit professioneller Public Affairs erfolgreich ist

Wettbewerb der Interessen

Dr. Thorsten Hofmann
Dr. Thorsten Hofmann betreut den Fachbereich Politics and Public Affairs an der Quadriga Hochschule Berlin.


"Die beste Gelegenheit, sich über ein Thema umfassend zu informieren, ist die Anhörung aller beteiligten Interessenvertreter." Mit dieser Überzeugung adelte bereits J.F. Kennedy eine Beteiligung von gesellschaftlichen Akteuren an politischen Entscheidungsprozessen. Dem US-Präsidenten der frühen 1960er Jahre wird nachgesagt, sich regelmäßig Informationen bei verschiedenen Interessengruppen, Organisationen und Unternehmen eingeholt zu haben.
Was damals schon seine Berechtigung hatte, gilt heute umso mehr: Die zunehmende Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die Internationalisierung von Politik und nicht zuletzt der rasante Fortschritt von Technik und Informationstechnologie gestalten die Debatten und Themen der politischen Entscheidungsfindung immer komplexer. Welcher allgemeingebildete Politiker kann noch mit Fug und Recht behaupten, den Überblick über die vielfältigen Auswüchse und Sensibilitäten im Bereich Datenschutz zu behalten und die von Kritikern und Befürwortern dargebotenen technischen Lösungen und Details in ihrer vollen Komplexität zu verstehen? Wie sollen Abgeordnete mit einem naturwissenschaftlichen oder betriebswirtschaftlichen Hintergrund aus eigenem Wissen heraus über moralische Fragen der Gentechnik entscheiden? Der Informationsbedarf der Politiker ist hoch und nicht mehr alleine durch internen Sachverstand zu decken. Die Dialogbereitschaft mit der Wirtschaft ist seitens der Politik daher in den letzten Jahren stark gestiegen. Public Affairs, der Informationsaustausch zwischen Politik und Wirtschaft oder Gesellschaft, sind für die politische Entscheidungsfindung unabdingbar geworden.
Auch Bert Rürup bestätigt den Beratungsbedarf der Politik, kritisierte in seiner Abschiedsvorlesung an der Universität Darmstadt allerdings die mangelnde Ausgestaltung der Politikberatung in der Praxis. "Die Defizite der Politikberatung in Deutschland erwachsen auch aus dem Dünkel gerade einiger sehr kompetenter Wissenschaftler, die es als unfein empfinden, sich mit der Politik in den Prozess der pragmatischen Beratung einzulassen", so Rürup und forderte einen ?Wirtschaftspolitischen Rat der Bundesregierung? nach US-Vorbild.

Geburtsstunde der Public Affairs
Bis in die heutige Zeit hinein gelten die Vereinigten Staaten von Amerika als Entstehungsort des modernen Pluralismus, der in seiner Vielfalt organisierten Interessen Gelegenheit gibt, sich politisch einzubringen. Nach einer Legende traf in der Lobby des Willard Hotels in Washington D.C. zu Beginn des 19. Jahrhunderts der damalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Ulysses Grant, regelmäßig auf Personen, die ihn mit ihren Belangen behelligten, und die er als "Lobbyisten" bezeichnete. Seit diesem Zeitpunkt wird der Begriff oberflächlich für alle Personen verwendet, die versuchen mit unterschiedlichsten Mitteln auf die Politik Einfluss zu nehmen. Als eigentliches Geburtsjahr des Lobbyisten hat sich das Jahr 1789 herauskristallisiert, als vom amerikanischen Kongress das erste US-Zollgesetz verabschiedet wurde. Repräsentanten verschiedenster Zweige der amerikanischen Wirtschaft versuchten damals jeder auf seine Weise, die Inhalte und die Verabschiedung des Gesetzes mitzugestalten. Aus der Gunst der Stunde heraus geboren sind diese spontanen Schritte noch nicht mit dem strategischen Management politischer Beziehungen von heute zu vergleichen.
1954 gründete sich in den Vereinigten Staaten, auf Veranlassung des amerikanischen Präsidenten Eisenhower, der 39"Public Affairs Council" als eine Gegenorganisation zu den amerikanischen Gewerkschaften. Dieser hatte zur Aufgabe, politisches Engagement von Unternehmen zu fördern.
Public Affairs befinden sich im Aufschwung. Die Zahl der Mitglieder des "Public Affairs Council" in den USA verdoppelte sich von 1970 bis 1980. Im Jahr 2002 zählte der "Public Affairs Council" bereits mehr als 600 Firmen zu seinen Mitgliedern.

Professionalisierung zur Management-Disziplin
Mit zunehmendem Interesse an der politischen Mitgestaltung wachsen auch Professionalität und Stellenwert der Public Affairs. Immer stärker kristallisiert sich Public Affairs als strategische Kommunikationsdisziplin heraus. Dies ist insbesondere in den 70er Jahren zu erkennen, als immer mehr Unternehmen in den USA Einheiten für das Management von Public Affairs bildeten.
Den Sprung nach Europa nahm die Entwicklung des modernen Public Affairs- Managements insbesondere durch die europäischen Niederlassungen großer amerikanischer Kommunikationsagenturen, die das professionelle Wissen über Public Affairs aus den USA in Europa einführten. Zusätzlich spielte die wachsende Zahl amerikanischer Konzerne in Europa eine Rolle, die nun auch hierzulande die Dienstleistung Public Affairs in Anspruch nehmen wollten, da sie ihnen von ihrem Heimatmarkt geläufig war.
Immer mehr professionell agierende Unternehmen versuchen heute auch in Deutschland in direkten Kontakt mit den Entscheidern in Exekutive und Legislative zu treten, um frühzeitig über mögliche Entwicklungen informiert zu sein, Risiken zu erkennen, und die politischen Entscheidungsprozesse mitmitzugestalten. Die Struktur der Interessenvermittlung zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Akteuren in Deutschland und Europa befindet sich im Wandel. Die Interessen werden heute nicht mehr nur von den großen und mitgliederstarken Verbänden vertreten. Das Feld der Akteure hat sich deutlich erweitert. Eigene Hauptstadtrepräsentanzen der großen Unternehmen sprießen in der Berliner Republik allerorts aus dem Boden. Ein Spaziergang in der Prachtstraße Unter den Linden mit Blick auf die Klingelschilder gleicht der Lektüre des Who-is-Who der deutschen Wirtschaft. Zunehmend treten Agenturen und externe Dienstleiter auf den Plan.

Mehr als ein gutes Netzwerk
Im Zuge dieser Professionalisierung wächst der Bedarf an gut ausgebildeten Public-Affairs-Experten. Gleichzeitig wächst auch die Konkurrenz unter den Interessenvertretungen und der Wettbewerb um das beste Argument wird härter. Längst reicht ein gutes Netzwerk in die Politik nicht mehr aus. Professionelle Public Affairs beginnen mit einem permanenten und effizienten Themenmanagement. Welche Veränderungen auf der politischen Agenda stehen an? Was haben Regierungsparteien und Opposition in Bund und Ländern vor? Plant Brüssel neue Richtlinien? Drohen Konflikte mit anderen Interessengruppen? Die Argumentationen und Aktionen der Konkurrenz sollten genauso beobachtet werden wie die Positionen der Befürworter der eigenen Interessen. Wichtig ist, stets den ganzen Markt der Argumente zum Handlungsumfeld der eigenen Organisation im Blick zu behalten, um daraus die richtigen strategischen Schritte abzuleiten. Gerät die eigene Organisation in den Fokus der öffentlichen Debatte, keimen Themen oder Gesetzesinitiativen auf, die den unternehmerischen Erfolg gefährden, gilt es schnell zu reagieren. Um dann handlungsfähig zu sein, sind in ruhigen Zeiten vorbereitete Positionspapiere, Unternehmensdarstellungen und Leitlinien unerlässlich. Jetzt zahlt es sich aus, seine Stakeholder zu kennen und permanenten Kontakt gepflegt zu haben.
Wer heute seine Interessen "an den Mann" bringen, mit seinen Anliegen Gehör finden will, muss mehr denn je weitreichende Kenntnisse über das politische System und seine Entscheidungsprozesse haben und Instrumente der Public Affairs strategisch einzusetzen wissen. Im Wettbewerb der Interessen zählt heute Professionalität mehr denn je.


Zurück

Kontakt

René Seidenglanz
Quadriga Hochschule Berlin
Friedrichstraße 209
10969 Berlin

Telefon: +49 (0) 30/44 72 95 60
Telefax: +49 (0) 30/44 72 93 00

rene.seidenglanz[at]quadriga.eu